Kleine Coincidentia (non omnino oppositorum)
Weil ich auf einmal Lust darauf bekomme, stehe ich für Momente auf der Graf-Adolf vor einer Auslage mit türkischem Gebäck. In dem Laden war früher mal ein Reisebüro, nämlich das, in dem ich meinen ersten Flug nach LAX buchte. Das Mädchen dort hatte damals eine Art Uniform getragen und alles abgewickelt mit einer Kühle und Geläufigkeit, die bald darauf meine Entscheidung mit beeinflusste, statt langweilige Zeiten an der Uni zu verbringen selber in diese Sphären aus Internationalität und Professionalismus einzutauchen.
Ist die Fremdheit der Welt, ist die Verwunderung anders als im eher Kleinen, Lokalen (aus dem sich das Globale schließlich zusammensetzt) noch denkbar? Heute verstehe ich das seinerseits nicht mehr, aber ich war dann einmal richtiggehend erschöpft davon, noch nicht wirklich abgeklärt, noch nicht wirklich bis zu ihrem Äußersten vorgedrungen und doch allem Pathos der Geographie schon müde. Es war gewesen, als hätte sich eine Gegensätzlichkeit in mir ausgetragen, ein Wunsch nach Selbstdisseminierung in der Welt und ein anderer, mir doch endlich lieber einen Halt darin zu verschaffen. Und außer einer endlosen Abfolge an Szenen, wie ich zwischen allen Zeitzonen in Dakar oder Abu Dhabi auf den Weiterflug warte, sehe ich mich dort manchmal selber nicht.
Direkt neben meinem Kopf geht ein schmales Fenster auf und eine winzige Fahne Zigarettenrauch weht heraus und wird von der Turbulenz aus Durchzug und Temperaturgefälle in der stillen Straße sofort aufgerieben. Eine junge Frau sagt einmal inständig Ich bin geil, ruf mich an... - und dann noch mal. Es ist offenbar einer dieser nächtlichen Fernsehspots in Endlosschleife, denn nach weiteren Durchläufen meine ich, synchronisiert von der jedes mal perfekt gleich gelingenden verlangenden Verzweiflung in der weiblichen Stimme, auch die sequenzierte Folge von Farblicht- und Flackerrhythmus wiederzuerkennen, die auf dem Gesicht des Wachmannes ablaufen.
Der hat für mich keinen Blick. Mit der noch in meiner Jackentasche gestarteten Kamera mache ich von ihm ein einzelnes rasches Foto, erwische aber nur den ins Mintgrüne changierten Widerschein seiner Thermoskanne statt dem, was mich zum Auslösen brachte: das hellere, die Augen wie ersetzende Lumineszieren auf dem weder desinteressierten noch ganz gebannten Gesicht.
Und in genau dem Moment, ab ich mich wegdrehe - ich mag diese Art Gebäck eh immer nur bis zum ersten Bissen, weil sie mir dann auf schon fast widerliche Weise zu süß ist - dreht ein Taximann auf der Kreuzung eine Musik in seinem Radio auf. Das ist irgendein (ähnlich wie der TV-Spot) perfekt produzierter Türk-Pop. Aber zumindest in der Stimme des Sängers sind da diese Laute primärer Äußerung, ist da die Klage, gibt es dieses Schluchzen von Unstillbarkeit, Sehnsucht und Liebesschmerz, die überall auf Erden unverkennbar sind - und unter Menschen die immer gleichen.
***
Die Nebenstraßen hier- wie dorthin erkundend, sehe ich, dass dieses eine Ladenlokal Talstraße / Bilker Allee neuerdings vermietet ist: Immer war mir das als günstige Lauflage erschienen, doch hatte der Laden, nachdem dort lange ein Kültürverein drin gewesen war und der ganze Block eher seiner Tristesse entgegendämmerte als dass jemand was draus machte, jahrelang leer gestanden, die Schaufenster innen mit Zeitungsseiten verklebt. Als die längst abgefallen waren - und damit auch die beschrieenen Ereignisse ausgebleicht und wie in die Zeit zurückgenommen -, hatte ich einmal nachts ein anderes Foto gemacht, einfach hinein in die Leere, weil mir auf dem Boden die Unerklärbarkeit der anderen, aus ich-weiß-nicht-welchem Herbst hereingewehten und überdauernden Blätter so gefallen hatte. In dem von irgendeiner Nachtbeleuchtung schwach hereinreichenden Licht hatten sie lange Schatten geworfenen wie die winzigen Geröllsteine auf den Mondfotos von Armstrong, gab es da dieses mit all dem Staub lichtverschluckende gleiche Grau.
Noch etwas, wenn ich es jetzt bedenke, spielte und spielt bei meiner Erinnerung an diesen Ort mit rein. Nämlich dass ich einmal mit der Kahlheit über die Tische dort, in jenem Treffpunkt zwischen wortkarg gewordenen alten Männern (solchen, die ganz offensichtlich hier nicht heimisch geworden waren und dorthin möglicherweise nicht mehr zurückkonnten) einmal zu sympathisieren angefangen hatte. Und es war das in einer Zeit gewesen, als ich selber viel hatte reden, auf Verkaufsleiterversammlungen meine Konzepte hatte erklären und durchsetzen müssen und mich in meinem wachsenden beruflichen Erfolg doch nicht wohl gefühlt hatte. Jenes von allen übersehene Sitzen und Warten dort, zwischen Phlegmatisch- oder zumindest Mildegewordenen, war mir, immer wenn ich dort vorbeikam, als etwas Freundliches erschienen.
Neuerdings ist also dadrin nun ein Impossible Shop - und ich Idiot habe seinerzeit die besseren meiner Polaroidkameras noch vor der Nachricht, dass es bald keine Filme mehr geben würde, verkauft! (Allerdings sind die neuen Filme jetzt teurer als zuvor. Und laut einem Querlesen durch die Foren und Kommentare können die Ergebnisse so ganz das richtige auch noch nicht sein.)
Meine erste SX-70 hatte ich in San Francisco erstanden, sofort, als ich sie in meinem Hotelzimmerfernseher beworben gesehen hatte und noch bevor sie auf den deutschen Markt kam - immerhin konnte ich damals einem besseren Gadget wirklich noch einen Coolnessfaktor zuschreiben. Und wie fast nie nach den tatsächlichen, oft doch nur eher indifferent denn erinnerungswürdigen Zeiten, sehne ich mich heute manchmal nach meiner Unbeschwertheit und meiner Naivität zurück.
***
Unter einer der Pappeln, deren Blätter, wenn sie hart geworden sind, mich oft an scharrende Krebstiere erinneren, die der Wind auf dem Asphalt hin und hertreibt, fällt mir ein schwarzer Glanz ins Auge. Es ist eine Verpackung, eine irgendwie teuer aussehende Mappe... und drin ist - ein Fotobuch!
Ah, das Unvorhersehbare der Welt - und liegt es heute, bei all den andauernd beschrieenen Sensationen, nicht oft im Banalen? So wie das Banale seinerseits seit je in einer Komplizenschaft mit dem Wunderbaren ist? Womöglich brauchte man wirklich nirgends mehr hin, wenn es nur gelänge, am jeweiligen Ort den eigenen Erwartungshorizont genug unmittelbar und beweglich zu halten.
Das Buch ist Terry Richardsons Kibosh; als ich mich seinerzeit für Nobuyoshi Araki interessierte hatte ich mal davon gehört. Doch stellt es sich gleich beim ersten Durchblättern heraus als vorsätzlich miese, anscheinend eben das Schäbige affirmativ umzudeuten suchende Pornographie.
Richardson, der sich auf jedem Foto selbst und mit einem Gesicht ins Zentrum stellt, das nicht viel auszudrücken vermag, ist hässlich, und die Spinnen- und Fledermausflügel- und Militärhelm-auf-Totenschädel-Tätowierungen auf seinem Körper sind hässlich, wie auch die meisten der (offensichtlich wie sie gerade daherkamen) sich für seine infantilen Einfälle hergebenden Frauen hässlich sind... doch reichen bei mir auch die schwarzen Zahnfüllungen in weit aufgerissenen Mündern und all der Glibber auf pickligen Gesichtern und sämtlicher Willen zur Hässlichkeit zu Einsichten in Antiästhetik nicht mehr aus.
Gut, sicher gehöre ich nicht zur Zielgruppe. (Dabei hätte ich, bezeichnenderweise, dem einen oder anderen seiner Fotos für die üblichen Modemarken, mit denen er sich seinen Namen macht, noch was abgewinnen können.) Aber was an den Bildern "natürlich, ungezwungen und lustig" sein soll (so die unbedarfte Besprechung in einem Fotoforum), geht mir überhaupt nicht auf. Im Gegenteil: Hier stellt sich mal wieder die Frage, was Kunst überhaupt noch sein soll, wenn sie anscheinend alles sein kann, d.h. zuletzt eine genuine, einigermaßen vermittelbare, eine andere außer der nur behaupteten Qualität nicht mehr braucht. Weder schlechte Pornographie noch schlechte Kunst stoßen mich ab, aber ganz sicher solche Art Umetikettierung, wenn das schlicht überflüssige, dem Bekannten nichts hinzufügende Ergebnis letztlich zu gar nichts gereicht. Wenn das Kunst ist — und natürlich ist es Kunst: Es geben ja Leute unter dieser sozial-gesellschaftlichen Vereinbarung ihr Geld und gute Worte dafür: So ist eine Sache Kunst immer schon durch die Konsequenz des Dafürhaltens (Bazon Brock) —, ist auch jeder schmierige Hinterzimmervideoamateur ein Künstler: Er arbeitete dann ebenso mit an der Erweiterung der konsumistisch-nihilistischen Plastik.
( ... )
( ... )
Trotzdem: Das Buch war mal teuer (290 Euro!) und ist unbeschädigt - und jemand wollte sich seiner ausdrücklich entledigen. Warum? Immer noch nehme ich es es auf mich, bei jeder Idiotie nach ihrem Grund zu suchen. Und bin ich jemals weitergekommen seit meinem ersten Versuch?
Wie so oft bei solchen Sachen, bleibt es dann etwas Absonderliches an Detail, das mir, als ich ihn zuhause noch mal gewissenhafter durchblättere, von all dem Schund zur Nahegehung wird: Die rauen Fußsohlen einer Frau, der im knien (vor einem Turnschuhtypen mit locker fallender Hose, ein Stück seines Gürtels hängt ihr fast zwischen den Schenkeln) die in einem bestimmten Rosa gehaltenen Schuhe von den Füßen wegrutschen. Man sieht nur ihre nackten Beine, der obere Teil des Bildes ist weggelassen. Und obwohl, was sie da tut, offensichtlich sein soll, ist dies das vielleicht einzige nicht-pornographische Bild.
Und es sind nicht die Schuhe, es ist nicht das Knien. Es ist auch nicht "die Wunde" als umgedeutete Würde des entzückungsbefähigten Körpers gegen den Anflug von Zerschundenheit in seiner Haltung zwischen sexuellem Dienst, Demütigung und Anbetung. Vielleicht ist es so etwas wie das (einmal durch seine sämtlich logarithmierten Durchrechnungen an Traum und Sinn dividierten) "Rosa" aus Kafkas Landarzt.
Tatsächlich schießt mir so etwas wie die Vermutung über die Strecke dieser Durchrechnung durch den Kopf, die ich in dieser Nacht bisher hinter mich gebracht haben könnte. Und einer der lose aufgereihten Punkte in der Verknüpfung ist ein Moment, als ich in SF in meinem Hotel - nicht weit vom Union Square, dem Platz, wo sie damals die Eröffnungsszenen von "The Conversation" gedreht hatten - nicht gewusst hatte, was fotographieren.
Ich hatte auf dem Bett gehockt, zugleich angereichert von all dem Erleben in der Stadt ob meiner Begeisterung hier zu sein ("Die Straßen von San Francisco") und in einer dann nicht erwarteten Müdheit. Was sollte ich da?
Und dann hatte ich das an mir ausprobiert (aus Verlegenheit?), was jemand später in einem eher wegen seiner Trendyness als wegen seiner Erkenntnishöhe erfolgreichen, heute vom Markt und anscheinend aus den Erinnerungen in die Zeit zurückgenommenen Buch mal "Polaroid-Panik" genannt hatte: Der obskure Drang, sich sofort (teils unter Zuhilfenahme eines Badezimmerspiegels) selber zu fotographieren. Und das heraus und wegen einer spezifischen Not. (Etwas das, nicht ganz unähnlich, auch Tomas Tranströmer in einem seiner Gedichte anspricht, nämlich als er eines nachts auf dem Rücksitz seines Wagens erwacht und kurzfristig seinen Namen vergessen hat und damit seine gesamte Existenz.)
Woher manchmal die schnelle Vergewisserung nehmen? Kann ein Foto immer noch eine Art profaner Zeugenschaft sein vor einem erahnten (aber nicht anders oder besser zu fassenden) Verschwinden?
Als ich während eines längeren Aufenthaltes in Japan zu verstehen anzufangen glaubte, warum manche Menschen andauernd alles um sich herum fotographieren (in diesem Sinne war eigentlich auch Araki keine Kunst - war sie dann aber in demselben umso mehr), sympathisierte ich auch damit. Jetzt kommt auf einmal die uralte Frage zu mir zurück: Helfen uns die Dinge, die Bilder, das Netz an Gründen mit dem wie die Welt überziehen bei unserer Selbstvergewisserung oder untergraben sie sie weit mehr, als uns noch aufgehen kann? Cusanus - Nikolaus von Kues - sah im Begreifen der Koinzidenzen eine unbedingte Voraussetzung für die Erkenntnis Gottes - weil in ihm endlich alle Gegensätze eingefaltet seien, und man nur da hindurch zu dem notwendigen Zustand der Einfachheit, und damit zum Unendlichen gelangte. (Ob er darin das Zahllose eingeschlossen hätte, ist mir aber nicht klar.)
Mir selber ist auf einmal, als ob, wenn ich diese Polaroids damals aufbewahrt hätte (die ich vor Scham über mich noch vor dem Rückflug vernichtete, mit einer Nagelschere, und sie kamen, diese Reste der Bilder, wie in "The Conversation", als Harry Caul die Toilettenspülung drückt und ihm das Blut des missverstandenen Opfers entgegenkommt, ein paarmal wieder herauf)... mir selber, ob ob ich damit heute über etwas vielleicht Wichtiges verfügte, ich um ein mir manchmal fehlendes Moment, eine Art Ineinsfall mit mir selber wieder wüsste. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein.
Über dem Foto Richardsons fällt mir dann noch Szusza ein, die mich mal, als ich nur ein Seminarpapier bei ihr hatte abholen wollen, in einer Art Nachtrock in Plüschrosa empfangen hatte, einem von ihr mutmaßlich aus dem Osten mitgebrachten - oder wegen dessen ulkig verjährter Vorstellung von stilvoller Damen-Hausbekleidung geretteten - Fummel. Sie hatte ihn getragen mit einem an einen Pelz erinnernden weißen Kragen aus Jungschwan-Federn, und ich hatte nie ganz verstanden, ob sie so verblasen gewesen war, das als Kleidungsakt ernst zu meinen oder damals nur auf ihre Weise noch so rührend unfertig und naiv wie ich selbst.
Ist die Fremdheit der Welt, ist die Verwunderung anders als im eher Kleinen, Lokalen (aus dem sich das Globale schließlich zusammensetzt) noch denkbar? Heute verstehe ich das seinerseits nicht mehr, aber ich war dann einmal richtiggehend erschöpft davon, noch nicht wirklich abgeklärt, noch nicht wirklich bis zu ihrem Äußersten vorgedrungen und doch allem Pathos der Geographie schon müde. Es war gewesen, als hätte sich eine Gegensätzlichkeit in mir ausgetragen, ein Wunsch nach Selbstdisseminierung in der Welt und ein anderer, mir doch endlich lieber einen Halt darin zu verschaffen. Und außer einer endlosen Abfolge an Szenen, wie ich zwischen allen Zeitzonen in Dakar oder Abu Dhabi auf den Weiterflug warte, sehe ich mich dort manchmal selber nicht.
Direkt neben meinem Kopf geht ein schmales Fenster auf und eine winzige Fahne Zigarettenrauch weht heraus und wird von der Turbulenz aus Durchzug und Temperaturgefälle in der stillen Straße sofort aufgerieben. Eine junge Frau sagt einmal inständig Ich bin geil, ruf mich an... - und dann noch mal. Es ist offenbar einer dieser nächtlichen Fernsehspots in Endlosschleife, denn nach weiteren Durchläufen meine ich, synchronisiert von der jedes mal perfekt gleich gelingenden verlangenden Verzweiflung in der weiblichen Stimme, auch die sequenzierte Folge von Farblicht- und Flackerrhythmus wiederzuerkennen, die auf dem Gesicht des Wachmannes ablaufen.
Der hat für mich keinen Blick. Mit der noch in meiner Jackentasche gestarteten Kamera mache ich von ihm ein einzelnes rasches Foto, erwische aber nur den ins Mintgrüne changierten Widerschein seiner Thermoskanne statt dem, was mich zum Auslösen brachte: das hellere, die Augen wie ersetzende Lumineszieren auf dem weder desinteressierten noch ganz gebannten Gesicht.
Und in genau dem Moment, ab ich mich wegdrehe - ich mag diese Art Gebäck eh immer nur bis zum ersten Bissen, weil sie mir dann auf schon fast widerliche Weise zu süß ist - dreht ein Taximann auf der Kreuzung eine Musik in seinem Radio auf. Das ist irgendein (ähnlich wie der TV-Spot) perfekt produzierter Türk-Pop. Aber zumindest in der Stimme des Sängers sind da diese Laute primärer Äußerung, ist da die Klage, gibt es dieses Schluchzen von Unstillbarkeit, Sehnsucht und Liebesschmerz, die überall auf Erden unverkennbar sind - und unter Menschen die immer gleichen.
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Die Nebenstraßen hier- wie dorthin erkundend, sehe ich, dass dieses eine Ladenlokal Talstraße / Bilker Allee neuerdings vermietet ist: Immer war mir das als günstige Lauflage erschienen, doch hatte der Laden, nachdem dort lange ein Kültürverein drin gewesen war und der ganze Block eher seiner Tristesse entgegendämmerte als dass jemand was draus machte, jahrelang leer gestanden, die Schaufenster innen mit Zeitungsseiten verklebt. Als die längst abgefallen waren - und damit auch die beschrieenen Ereignisse ausgebleicht und wie in die Zeit zurückgenommen -, hatte ich einmal nachts ein anderes Foto gemacht, einfach hinein in die Leere, weil mir auf dem Boden die Unerklärbarkeit der anderen, aus ich-weiß-nicht-welchem Herbst hereingewehten und überdauernden Blätter so gefallen hatte. In dem von irgendeiner Nachtbeleuchtung schwach hereinreichenden Licht hatten sie lange Schatten geworfenen wie die winzigen Geröllsteine auf den Mondfotos von Armstrong, gab es da dieses mit all dem Staub lichtverschluckende gleiche Grau.
Noch etwas, wenn ich es jetzt bedenke, spielte und spielt bei meiner Erinnerung an diesen Ort mit rein. Nämlich dass ich einmal mit der Kahlheit über die Tische dort, in jenem Treffpunkt zwischen wortkarg gewordenen alten Männern (solchen, die ganz offensichtlich hier nicht heimisch geworden waren und dorthin möglicherweise nicht mehr zurückkonnten) einmal zu sympathisieren angefangen hatte. Und es war das in einer Zeit gewesen, als ich selber viel hatte reden, auf Verkaufsleiterversammlungen meine Konzepte hatte erklären und durchsetzen müssen und mich in meinem wachsenden beruflichen Erfolg doch nicht wohl gefühlt hatte. Jenes von allen übersehene Sitzen und Warten dort, zwischen Phlegmatisch- oder zumindest Mildegewordenen, war mir, immer wenn ich dort vorbeikam, als etwas Freundliches erschienen.
Neuerdings ist also dadrin nun ein Impossible Shop - und ich Idiot habe seinerzeit die besseren meiner Polaroidkameras noch vor der Nachricht, dass es bald keine Filme mehr geben würde, verkauft! (Allerdings sind die neuen Filme jetzt teurer als zuvor. Und laut einem Querlesen durch die Foren und Kommentare können die Ergebnisse so ganz das richtige auch noch nicht sein.)
Meine erste SX-70 hatte ich in San Francisco erstanden, sofort, als ich sie in meinem Hotelzimmerfernseher beworben gesehen hatte und noch bevor sie auf den deutschen Markt kam - immerhin konnte ich damals einem besseren Gadget wirklich noch einen Coolnessfaktor zuschreiben. Und wie fast nie nach den tatsächlichen, oft doch nur eher indifferent denn erinnerungswürdigen Zeiten, sehne ich mich heute manchmal nach meiner Unbeschwertheit und meiner Naivität zurück.
***
Unter einer der Pappeln, deren Blätter, wenn sie hart geworden sind, mich oft an scharrende Krebstiere erinneren, die der Wind auf dem Asphalt hin und hertreibt, fällt mir ein schwarzer Glanz ins Auge. Es ist eine Verpackung, eine irgendwie teuer aussehende Mappe... und drin ist - ein Fotobuch!
Ah, das Unvorhersehbare der Welt - und liegt es heute, bei all den andauernd beschrieenen Sensationen, nicht oft im Banalen? So wie das Banale seinerseits seit je in einer Komplizenschaft mit dem Wunderbaren ist? Womöglich brauchte man wirklich nirgends mehr hin, wenn es nur gelänge, am jeweiligen Ort den eigenen Erwartungshorizont genug unmittelbar und beweglich zu halten.
Das Buch ist Terry Richardsons Kibosh; als ich mich seinerzeit für Nobuyoshi Araki interessierte hatte ich mal davon gehört. Doch stellt es sich gleich beim ersten Durchblättern heraus als vorsätzlich miese, anscheinend eben das Schäbige affirmativ umzudeuten suchende Pornographie.
Richardson, der sich auf jedem Foto selbst und mit einem Gesicht ins Zentrum stellt, das nicht viel auszudrücken vermag, ist hässlich, und die Spinnen- und Fledermausflügel- und Militärhelm-auf-Totenschädel-Tätowierungen auf seinem Körper sind hässlich, wie auch die meisten der (offensichtlich wie sie gerade daherkamen) sich für seine infantilen Einfälle hergebenden Frauen hässlich sind... doch reichen bei mir auch die schwarzen Zahnfüllungen in weit aufgerissenen Mündern und all der Glibber auf pickligen Gesichtern und sämtlicher Willen zur Hässlichkeit zu Einsichten in Antiästhetik nicht mehr aus.
Gut, sicher gehöre ich nicht zur Zielgruppe. (Dabei hätte ich, bezeichnenderweise, dem einen oder anderen seiner Fotos für die üblichen Modemarken, mit denen er sich seinen Namen macht, noch was abgewinnen können.) Aber was an den Bildern "natürlich, ungezwungen und lustig" sein soll (so die unbedarfte Besprechung in einem Fotoforum), geht mir überhaupt nicht auf. Im Gegenteil: Hier stellt sich mal wieder die Frage, was Kunst überhaupt noch sein soll, wenn sie anscheinend alles sein kann, d.h. zuletzt eine genuine, einigermaßen vermittelbare, eine andere außer der nur behaupteten Qualität nicht mehr braucht. Weder schlechte Pornographie noch schlechte Kunst stoßen mich ab, aber ganz sicher solche Art Umetikettierung, wenn das schlicht überflüssige, dem Bekannten nichts hinzufügende Ergebnis letztlich zu gar nichts gereicht. Wenn das Kunst ist — und natürlich ist es Kunst: Es geben ja Leute unter dieser sozial-gesellschaftlichen Vereinbarung ihr Geld und gute Worte dafür: So ist eine Sache Kunst immer schon durch die Konsequenz des Dafürhaltens (Bazon Brock) —, ist auch jeder schmierige Hinterzimmervideoamateur ein Künstler: Er arbeitete dann ebenso mit an der Erweiterung der konsumistisch-nihilistischen Plastik.
( ... )
( ... )
Trotzdem: Das Buch war mal teuer (290 Euro!) und ist unbeschädigt - und jemand wollte sich seiner ausdrücklich entledigen. Warum? Immer noch nehme ich es es auf mich, bei jeder Idiotie nach ihrem Grund zu suchen. Und bin ich jemals weitergekommen seit meinem ersten Versuch?
Wie so oft bei solchen Sachen, bleibt es dann etwas Absonderliches an Detail, das mir, als ich ihn zuhause noch mal gewissenhafter durchblättere, von all dem Schund zur Nahegehung wird: Die rauen Fußsohlen einer Frau, der im knien (vor einem Turnschuhtypen mit locker fallender Hose, ein Stück seines Gürtels hängt ihr fast zwischen den Schenkeln) die in einem bestimmten Rosa gehaltenen Schuhe von den Füßen wegrutschen. Man sieht nur ihre nackten Beine, der obere Teil des Bildes ist weggelassen. Und obwohl, was sie da tut, offensichtlich sein soll, ist dies das vielleicht einzige nicht-pornographische Bild.
Und es sind nicht die Schuhe, es ist nicht das Knien. Es ist auch nicht "die Wunde" als umgedeutete Würde des entzückungsbefähigten Körpers gegen den Anflug von Zerschundenheit in seiner Haltung zwischen sexuellem Dienst, Demütigung und Anbetung. Vielleicht ist es so etwas wie das (einmal durch seine sämtlich logarithmierten Durchrechnungen an Traum und Sinn dividierten) "Rosa" aus Kafkas Landarzt.
Tatsächlich schießt mir so etwas wie die Vermutung über die Strecke dieser Durchrechnung durch den Kopf, die ich in dieser Nacht bisher hinter mich gebracht haben könnte. Und einer der lose aufgereihten Punkte in der Verknüpfung ist ein Moment, als ich in SF in meinem Hotel - nicht weit vom Union Square, dem Platz, wo sie damals die Eröffnungsszenen von "The Conversation" gedreht hatten - nicht gewusst hatte, was fotographieren.
Ich hatte auf dem Bett gehockt, zugleich angereichert von all dem Erleben in der Stadt ob meiner Begeisterung hier zu sein ("Die Straßen von San Francisco") und in einer dann nicht erwarteten Müdheit. Was sollte ich da?
Und dann hatte ich das an mir ausprobiert (aus Verlegenheit?), was jemand später in einem eher wegen seiner Trendyness als wegen seiner Erkenntnishöhe erfolgreichen, heute vom Markt und anscheinend aus den Erinnerungen in die Zeit zurückgenommenen Buch mal "Polaroid-Panik" genannt hatte: Der obskure Drang, sich sofort (teils unter Zuhilfenahme eines Badezimmerspiegels) selber zu fotographieren. Und das heraus und wegen einer spezifischen Not. (Etwas das, nicht ganz unähnlich, auch Tomas Tranströmer in einem seiner Gedichte anspricht, nämlich als er eines nachts auf dem Rücksitz seines Wagens erwacht und kurzfristig seinen Namen vergessen hat und damit seine gesamte Existenz.)
Woher manchmal die schnelle Vergewisserung nehmen? Kann ein Foto immer noch eine Art profaner Zeugenschaft sein vor einem erahnten (aber nicht anders oder besser zu fassenden) Verschwinden?
Als ich während eines längeren Aufenthaltes in Japan zu verstehen anzufangen glaubte, warum manche Menschen andauernd alles um sich herum fotographieren (in diesem Sinne war eigentlich auch Araki keine Kunst - war sie dann aber in demselben umso mehr), sympathisierte ich auch damit. Jetzt kommt auf einmal die uralte Frage zu mir zurück: Helfen uns die Dinge, die Bilder, das Netz an Gründen mit dem wie die Welt überziehen bei unserer Selbstvergewisserung oder untergraben sie sie weit mehr, als uns noch aufgehen kann? Cusanus - Nikolaus von Kues - sah im Begreifen der Koinzidenzen eine unbedingte Voraussetzung für die Erkenntnis Gottes - weil in ihm endlich alle Gegensätze eingefaltet seien, und man nur da hindurch zu dem notwendigen Zustand der Einfachheit, und damit zum Unendlichen gelangte. (Ob er darin das Zahllose eingeschlossen hätte, ist mir aber nicht klar.)
Mir selber ist auf einmal, als ob, wenn ich diese Polaroids damals aufbewahrt hätte (die ich vor Scham über mich noch vor dem Rückflug vernichtete, mit einer Nagelschere, und sie kamen, diese Reste der Bilder, wie in "The Conversation", als Harry Caul die Toilettenspülung drückt und ihm das Blut des missverstandenen Opfers entgegenkommt, ein paarmal wieder herauf)... mir selber, ob ob ich damit heute über etwas vielleicht Wichtiges verfügte, ich um ein mir manchmal fehlendes Moment, eine Art Ineinsfall mit mir selber wieder wüsste. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein.
Über dem Foto Richardsons fällt mir dann noch Szusza ein, die mich mal, als ich nur ein Seminarpapier bei ihr hatte abholen wollen, in einer Art Nachtrock in Plüschrosa empfangen hatte, einem von ihr mutmaßlich aus dem Osten mitgebrachten - oder wegen dessen ulkig verjährter Vorstellung von stilvoller Damen-Hausbekleidung geretteten - Fummel. Sie hatte ihn getragen mit einem an einen Pelz erinnernden weißen Kragen aus Jungschwan-Federn, und ich hatte nie ganz verstanden, ob sie so verblasen gewesen war, das als Kleidungsakt ernst zu meinen oder damals nur auf ihre Weise noch so rührend unfertig und naiv wie ich selbst.
j.anders - 24. Okt, 15:33
