Montag, 24. Oktober 2011

Kleine Coincidentia (non omnino oppositorum)

Weil ich auf einmal Lust darauf bekomme, stehe ich für Momente auf der Graf-Adolf vor einer Auslage mit türkischem Gebäck. In dem Laden war früher mal ein Reisebüro, nämlich das, in dem ich meinen ersten Flug nach LAX buchte. Das Mädchen dort hatte damals eine Art Uniform getragen und alles abgewickelt mit einer Kühle und Geläufigkeit, die bald darauf meine Entscheidung mit beeinflusste, statt langweilige Zeiten an der Uni zu verbringen selber in diese Sphären aus Internationalität und Professionalismus einzutauchen.

Ist die Fremdheit der Welt, ist die Verwunderung anders als im eher Kleinen, Lokalen (aus dem sich das Globale schließlich zusammensetzt) noch denkbar? Heute verstehe ich das seinerseits nicht mehr, aber ich war dann einmal richtiggehend erschöpft davon, noch nicht wirklich abgeklärt, noch nicht wirklich bis zu ihrem Äußersten vorgedrungen und doch allem Pathos der Geographie schon müde. Es war gewesen, als hätte sich eine Gegensätzlichkeit in mir ausgetragen, ein Wunsch nach Selbstdisseminierung in der Welt und ein anderer, mir doch endlich lieber einen Halt darin zu verschaffen. Und außer einer endlosen Abfolge an Szenen, wie ich zwischen allen Zeitzonen in Dakar oder Abu Dhabi auf den Weiterflug warte, sehe ich mich dort manchmal selber nicht.

Direkt neben meinem Kopf geht ein schmales Fenster auf und eine winzige Fahne Zigarettenrauch weht heraus und wird von der Turbulenz aus Durchzug und Temperaturgefälle in der stillen Straße sofort aufgerieben. Eine junge Frau sagt einmal inständig Ich bin geil, ruf mich an... - und dann noch mal. Es ist offenbar einer dieser nächtlichen Fernsehspots in Endlosschleife, denn nach weiteren Durchläufen meine ich, synchronisiert von der jedes mal perfekt gleich gelingenden verlangenden Verzweiflung in der weiblichen Stimme, auch die sequenzierte Folge von Farblicht- und Flackerrhythmus wiederzuerkennen, die auf dem Gesicht des Wachmannes ablaufen.

Der hat für mich keinen Blick. Mit der noch in meiner Jackentasche gestarteten Kamera mache ich von ihm ein einzelnes rasches Foto, erwische aber nur den ins Mintgrüne changierten Widerschein seiner Thermoskanne statt dem, was mich zum Auslösen brachte: das hellere, die Augen wie ersetzende Lumineszieren auf dem weder desinteressierten noch ganz gebannten Gesicht.

Und in genau dem Moment, ab ich mich wegdrehe - ich mag diese Art Gebäck eh immer nur bis zum ersten Bissen, weil sie mir dann auf schon fast widerliche Weise zu süß ist - dreht ein Taximann auf der Kreuzung eine Musik in seinem Radio auf. Das ist irgendein (ähnlich wie der TV-Spot) perfekt produzierter Türk-Pop. Aber zumindest in der Stimme des Sängers sind da diese Laute primärer Äußerung, ist da die Klage, gibt es dieses Schluchzen von Unstillbarkeit, Sehnsucht und Liebesschmerz, die überall auf Erden unverkennbar sind - und unter Menschen die immer gleichen.

***

Die Nebenstraßen hier- wie dorthin erkundend, sehe ich, dass dieses eine Ladenlokal Talstraße / Bilker Allee neuerdings vermietet ist: Immer war mir das als günstige Lauflage erschienen, doch hatte der Laden, nachdem dort lange ein Kültürverein drin gewesen war und der ganze Block eher seiner Tristesse entgegendämmerte als dass jemand was draus machte, jahrelang leer gestanden, die Schaufenster innen mit Zeitungsseiten verklebt. Als die längst abgefallen waren - und damit auch die beschrieenen Ereignisse ausgebleicht und wie in die Zeit zurückgenommen -, hatte ich einmal nachts ein anderes Foto gemacht, einfach hinein in die Leere, weil mir auf dem Boden die Unerklärbarkeit der anderen, aus ich-weiß-nicht-welchem Herbst hereingewehten und überdauernden Blätter so gefallen hatte. In dem von irgendeiner Nachtbeleuchtung schwach hereinreichenden Licht hatten sie lange Schatten geworfenen wie die winzigen Geröllsteine auf den Mondfotos von Armstrong, gab es da dieses mit all dem Staub lichtverschluckende gleiche Grau.

Noch etwas, wenn ich es jetzt bedenke, spielte und spielt bei meiner Erinnerung an diesen Ort mit rein. Nämlich dass ich einmal mit der Kahlheit über die Tische dort, in jenem Treffpunkt zwischen wortkarg gewordenen alten Männern (solchen, die ganz offensichtlich hier nicht heimisch geworden waren und dorthin möglicherweise nicht mehr zurückkonnten) einmal zu sympathisieren angefangen hatte. Und es war das in einer Zeit gewesen, als ich selber viel hatte reden, auf Verkaufsleiterversammlungen meine Konzepte hatte erklären und durchsetzen müssen und mich in meinem wachsenden beruflichen Erfolg doch nicht wohl gefühlt hatte. Jenes von allen übersehene Sitzen und Warten dort, zwischen Phlegmatisch- oder zumindest Mildegewordenen, war mir, immer wenn ich dort vorbeikam, als etwas Freundliches erschienen.

Neuerdings ist also dadrin nun ein Impossible Shop - und ich Idiot habe seinerzeit die besseren meiner Polaroidkameras noch vor der Nachricht, dass es bald keine Filme mehr geben würde, verkauft! (Allerdings sind die neuen Filme jetzt teurer als zuvor. Und laut einem Querlesen durch die Foren und Kommentare können die Ergebnisse so ganz das richtige auch noch nicht sein.)

Meine erste SX-70 hatte ich in San Francisco erstanden, sofort, als ich sie in meinem Hotelzimmerfernseher beworben gesehen hatte und noch bevor sie auf den deutschen Markt kam - immerhin konnte ich damals einem besseren Gadget wirklich noch einen Coolnessfaktor zuschreiben. Und wie fast nie nach den tatsächlichen, oft doch nur eher indifferent denn erinnerungswürdigen Zeiten, sehne ich mich heute manchmal nach meiner Unbeschwertheit und meiner Naivität zurück.

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Unter einer der Pappeln, deren Blätter, wenn sie hart geworden sind, mich oft an scharrende Krebstiere erinneren, die der Wind auf dem Asphalt hin und hertreibt, fällt mir ein schwarzer Glanz ins Auge. Es ist eine Verpackung, eine irgendwie teuer aussehende Mappe... und drin ist - ein Fotobuch!

Ah, das Unvorhersehbare der Welt - und liegt es heute, bei all den andauernd beschrieenen Sensationen, nicht oft im Banalen? So wie das Banale seinerseits seit je in einer Komplizenschaft mit dem Wunderbaren ist? Womöglich brauchte man wirklich nirgends mehr hin, wenn es nur gelänge, am jeweiligen Ort den eigenen Erwartungshorizont genug unmittelbar und beweglich zu halten.

Das Buch ist Terry Richardsons Kibosh; als ich mich seinerzeit für Nobuyoshi Araki interessierte hatte ich mal davon gehört. Doch stellt es sich gleich beim ersten Durchblättern heraus als vorsätzlich miese, anscheinend eben das Schäbige affirmativ umzudeuten suchende Pornographie.


Richardson, der sich auf jedem Foto selbst und mit einem Gesicht ins Zentrum stellt, das nicht viel auszudrücken vermag, ist hässlich, und die Spinnen- und Fledermausflügel- und Militärhelm-auf-Totenschädel-Tätowierungen auf seinem Körper sind hässlich, wie auch die meisten der (offensichtlich wie sie gerade daherkamen) sich für seine infantilen Einfälle hergebenden Frauen hässlich sind... doch reichen bei mir auch die schwarzen Zahnfüllungen in weit aufgerissenen Mündern und all der Glibber auf pickligen Gesichtern und sämtlicher Willen zur Hässlichkeit zu Einsichten in Antiästhetik nicht mehr aus.

Gut, sicher gehöre ich nicht zur Zielgruppe. (Dabei hätte ich, bezeichnenderweise, dem einen oder anderen seiner Fotos für die üblichen Modemarken, mit denen er sich seinen Namen macht, noch was abgewinnen können.) Aber was an den Bildern "natürlich, ungezwungen und lustig" sein soll (so die unbedarfte Besprechung in einem Fotoforum), geht mir überhaupt nicht auf. Im Gegenteil: Hier stellt sich mal wieder die Frage, was Kunst überhaupt noch sein soll, wenn sie anscheinend alles sein kann, d.h. zuletzt eine genuine, einigermaßen vermittelbare, eine andere außer der nur behaupteten Qualität nicht mehr braucht. Weder schlechte Pornographie noch schlechte Kunst stoßen mich ab, aber ganz sicher solche Art Umetikettierung, wenn das schlicht überflüssige, dem Bekannten nichts hinzufügende Ergebnis letztlich zu gar nichts gereicht. Wenn das Kunst ist — und natürlich ist es Kunst: Es geben ja Leute unter dieser sozial-gesellschaftlichen Vereinbarung ihr Geld und gute Worte dafür: So ist eine Sache Kunst immer schon durch die Konsequenz des Dafürhaltens (Bazon Brock) —, ist auch jeder schmierige Hinterzimmervideoamateur ein Künstler: Er arbeitete dann ebenso mit an der Erweiterung der konsumistisch-nihilistischen Plastik.

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Trotzdem: Das Buch war mal teuer (290 Euro!) und ist unbeschädigt - und jemand wollte sich seiner ausdrücklich entledigen. Warum? Immer noch nehme ich es es auf mich, bei jeder Idiotie nach ihrem Grund zu suchen. Und bin ich jemals weitergekommen seit meinem ersten Versuch?

Wie so oft bei solchen Sachen, bleibt es dann etwas Absonderliches an Detail, das mir, als ich ihn zuhause noch mal gewissenhafter durchblättere, von all dem Schund zur Nahegehung wird: Die rauen Fußsohlen einer Frau, der im knien (vor einem Turnschuhtypen mit locker fallender Hose, ein Stück seines Gürtels hängt ihr fast zwischen den Schenkeln) die in einem bestimmten Rosa gehaltenen Schuhe von den Füßen wegrutschen. Man sieht nur ihre nackten Beine, der obere Teil des Bildes ist weggelassen. Und obwohl, was sie da tut, offensichtlich sein soll, ist dies das vielleicht einzige nicht-pornographische Bild.

Und es sind nicht die Schuhe, es ist nicht das Knien. Es ist auch nicht "die Wunde" als umgedeutete Würde des entzückungsbefähigten Körpers gegen den Anflug von Zerschundenheit in seiner Haltung zwischen sexuellem Dienst, Demütigung und Anbetung. Vielleicht ist es so etwas wie das (einmal durch seine sämtlich logarithmierten Durchrechnungen an Traum und Sinn dividierten) "Rosa" aus Kafkas Landarzt.

Tatsächlich schießt mir so etwas wie die Vermutung über die Strecke dieser Durchrechnung durch den Kopf, die ich in dieser Nacht bisher hinter mich gebracht haben könnte. Und einer der lose aufgereihten Punkte in der Verknüpfung ist ein Moment, als ich in SF in meinem Hotel - nicht weit vom Union Square, dem Platz, wo sie damals die Eröffnungsszenen von "The Conversation" gedreht hatten - nicht gewusst hatte, was fotographieren.

Ich hatte auf dem Bett gehockt, zugleich angereichert von all dem Erleben in der Stadt ob meiner Begeisterung hier zu sein ("Die Straßen von San Francisco") und in einer dann nicht erwarteten Müdheit. Was sollte ich da?

Und dann hatte ich das an mir ausprobiert (aus Verlegenheit?), was jemand später in einem eher wegen seiner Trendyness als wegen seiner Erkenntnishöhe erfolgreichen, heute vom Markt und anscheinend aus den Erinnerungen in die Zeit zurückgenommenen Buch mal "Polaroid-Panik" genannt hatte: Der obskure Drang, sich sofort (teils unter Zuhilfenahme eines Badezimmerspiegels) selber zu fotographieren. Und das heraus und wegen einer spezifischen Not. (Etwas das, nicht ganz unähnlich, auch Tomas Tranströmer in einem seiner Gedichte anspricht, nämlich als er eines nachts auf dem Rücksitz seines Wagens erwacht und kurzfristig seinen Namen vergessen hat und damit seine gesamte Existenz.)

Woher manchmal die schnelle Vergewisserung nehmen? Kann ein Foto immer noch eine Art profaner Zeugenschaft sein vor einem erahnten (aber nicht anders oder besser zu fassenden) Verschwinden?

Als ich während eines längeren Aufenthaltes in Japan zu verstehen anzufangen glaubte, warum manche Menschen andauernd alles um sich herum fotographieren (in diesem Sinne war eigentlich auch Araki keine Kunst - war sie dann aber in demselben umso mehr), sympathisierte ich auch damit. Jetzt kommt auf einmal die uralte Frage zu mir zurück: Helfen uns die Dinge, die Bilder, das Netz an Gründen mit dem wie die Welt überziehen bei unserer Selbstvergewisserung oder untergraben sie sie weit mehr, als uns noch aufgehen kann? Cusanus - Nikolaus von Kues - sah im Begreifen der Koinzidenzen eine unbedingte Voraussetzung für die Erkenntnis Gottes - weil in ihm endlich alle Gegensätze eingefaltet seien, und man nur da hindurch zu dem notwendigen Zustand der Einfachheit, und damit zum Unendlichen gelangte. (Ob er darin das Zahllose eingeschlossen hätte, ist mir aber nicht klar.)

Mir selber ist auf einmal, als ob, wenn ich diese Polaroids damals aufbewahrt hätte (die ich vor Scham über mich noch vor dem Rückflug vernichtete, mit einer Nagelschere, und sie kamen, diese Reste der Bilder, wie in "The Conversation", als Harry Caul die Toilettenspülung drückt und ihm das Blut des missverstandenen Opfers entgegenkommt, ein paarmal wieder herauf)... mir selber, ob ob ich damit heute über etwas vielleicht Wichtiges verfügte, ich um ein mir manchmal fehlendes Moment, eine Art Ineinsfall mit mir selber wieder wüsste. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein.

Über dem Foto Richardsons fällt mir dann noch Szusza ein, die mich mal, als ich nur ein Seminarpapier bei ihr hatte abholen wollen, in einer Art Nachtrock in Plüschrosa empfangen hatte, einem von ihr mutmaßlich aus dem Osten mitgebrachten - oder wegen dessen ulkig verjährter Vorstellung von stilvoller Damen-Hausbekleidung geretteten - Fummel. Sie hatte ihn getragen mit einem an einen Pelz erinnernden weißen Kragen aus Jungschwan-Federn, und ich hatte nie ganz verstanden, ob sie so verblasen gewesen war, das als Kleidungsakt ernst zu meinen oder damals nur auf ihre Weise noch so rührend unfertig und naiv wie ich selbst.

 

Montag, 15. August 2011

"Die Macht der Dunkelheit"

Hier.

 

Mittwoch, 10. August 2011

Freiheit & Schoßgebet

Profiling

Den Schlaf abschüttelnd, mich erst einlaufend, habe ich die ganze Zeit noch diesen albernen Traumrest im Kopf: Es ging um die DNA-Spuren an einem flüchtigen, aber twitternden Teddybär, der Fußspuren hinterlässt! Und sein Fell war blau, sogar von einem dieser intensiven Blaus wie bei Vermeer oder Yves Klein. Oder von dem staubenden Anilin-Blau der Billardkreide. - Alexander Theroux schreibt irgendwo in seiner Studie "Blau" darüber, aber als ich später nachschaue, ist die Stelle nicht zu finden.

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Karte & Gebiet

Es ist befremdend, wie viele Leute heutzutage noch spätnachts auf der Straße sind. Das Nächtliche ist kein Schutzraum mehr und längst auch kein Vorrecht mehr irgendeiner Bohème oder sonst sich antibürgerlich abzuheben Suchender. Aber vielleicht war es das ja auch nie und es war eigentlich immer schon spießig, das zu denken, weil man es treuherzig aus der Romantik übernommen hat, der Nacht etwas Poetisches zuzusprechen. In der RundumdieUhr-Gesellschaft, wo es kaum noch Brachflächen oder auch nur genug Ellbogenraum gibt, gibt es auch keine geschützten Zeitzonen mehr.

Und so prosaisch sind dann auch die Leute, die noch an der Ecke zusammenstehen und kein Ende finden, die ihre Hunde ausführen und ins Nirgendwo schauen, dass man über ihre blöden Leinen steigen muss, oder die unbekümmert um andere laut telefonierend durch die hallenden Straßen gehen. Nur der Autoverkehr ist ausgedünnt. Dafür Pulks von Radlern, und am P. sogar Kultur-Nachtwanderern! Da fehlt etwas dauerhaft an einem anderen Sinn.

Na gut, es sind Ferien, mehr Leute als sonst dürfen ausschlafen. Aber sollten da um halb zwei nicht zumindest die Kinder im Bett sein? Vielleicht ist für sie die Nacht ja noch ein Abenteuer, und entsprechend triumphierend, die mich mit ihren Rollern und Rollbrettern ständig zum Ausweichen zwingen, schauen sie mich dabei herausfordernd an. Wir dürfen!

Laut Norbert Bolz entsteht Freiheit [modern] gerade durch den Widerstreit der Dogmen, durch die wechselseitige Einschränkung der Ansprüche. Ja, aber was haben dann die Einzelnen davon, die dauerhaft zurückstehen müssen? Sie müssen es aushalten, wie immer. Die Freiheit, bei Sartre dem Subjekt noch Zumutung, ist eben heute tendenziell immer schon Zwang. Aber dafür sind wir dann alle zusammen so locker und befreit im kollektiven Freizeitpark D.! Nur das gute alte Ressentiment, das gepflegte Weltverächtertum sucht eben ein bisschen länger nach seinen Nischen.

Und das besonders, scheint's, in meinem Viertel. Als ich hergezogen bin mit ein, zwei Kneipen eher proletarischen Anstrichs / Anspruchs, reihen sich jetzt die Szene-Läden nur so aneinander und alle hatten sie auch einen Inneneinrichter mit Ambition: Überall dekorieren Palmen den vorgeblich versöhnten Asphalt, die billige Lichtregie hat sich das Draußen eingemeindet und unaufdringlich-aufdringlich aufgewertet zum Ambiente. Tatsächlich aber wird nun auch der beiläufigste unmarkierte Raum noch zu einem Geschäft und bleibt derart bedingt auch nur wenig gemütlich: Die Pächter wechseln häufig auch innerhalb der Saison, jeder Ich-Unternehmer spürt die Konkurrenzsituation und der Rest ist Gentrification, alles zwischen Bionade-Biedermeier und Hipster-Fatigue, beschleunigter Umschlag und Wertsteigerung für Vermieter. Jetzt muss eben jede verbeulte Toreinfahrt zu einer Restauration führen, und jede kümmerliche Weinhandlung gleich als Sommelière prahlen, alles will eine einzige Piazza mit auf Dauer gestelltem Urlaubsgefühl sein. Aber gerade diese allgegenwärtige Selbstaufwertung entwertet auch alles und ebnet es wieder ein. Wie eine Art Skimming kommt es mir vor, wie das Abschöpfen am Geldautomat: Nimm, was du kriegen kannst, dann zieh weiter und versuch es woanders neu.

Vielleicht leide ich ja weniger an der Hochstapelei als an einem langsam immer grundlegenderen Dissenz mit meiner Umgebung. Immer öfter kann ich ich nur denken: Lass' mich in Ruh'! Wenn aber schon ich der Spießer sein soll unter der zur Mehrzahl gewordenen Laptop-Cafe Latte-Tagträumer-Trendbohème, wünsche ich all diesen Vulgär-Hedonisten auch mehr Griechenland an den Hals! Denn das alles ist in Wirklichkeit gar keine gesteigerte Lebenskultur, sondern nur eine dauernde Ausrede für Lockerheit & Easyness = Trägheit und Banalität.

(Dabei: Lebte Kerstin noch hier, würde ich jetzt womöglich selber da irgendwo hocken - im "Modigliani" ist jedenfalls auch noch Licht!)

Kurz nach zwei um die Ecke vom Friedensplatz zwei Männer, Typ locker alt gewordene Outcasts (der eine mit weißen Haaren, der andere mit räudigem Pferdeschwanz und im Nato-Parka und in Sandalen), die sich eine der Restaurant-Holzbänke ausgeborgt und unter die Laterne gezogen haben. Der Tarnfarbige hat eine Flöte, macht vielleicht einen auf Ian Anderson - eine gewisse Ähnlichkeit ist da. Doch kann er nicht spielen und setzt stattdessen auf etwas "Stimmungsvolles" an Simpelmelodie, das er andauernd wiederholt. Immerhin hört er kurz auf, als ich vorbeigehe. Muss ich dankbar sein?

- Ob ich es auch schön fände?
- Nein, die Stille wäre mir lieber.
Da wird er gleich ausfallend und schimpft mir hinterher: So locker und entspannt sind sie dann wohl doch nicht? - Manchmal könnte ich diese ganze überlebende Hippieideologie, die als Entschuldigung für schlampige Wohlfühl-Breitmachereien und abgepresste Toleranz dient, lauthals verfluchen und ihre Anhänger kommen wie ein Houellebecq auf Benzedrin!

***

Unerlöst

Wenigstens auf meine Freundin D.-Straße ist Verlass. Die letzten Male, als ich vorbeikam hatte es geregnet. Jetzt mache ich die Kamera bereit, postiere mich indem ich sie schon beinahe routiniert über die Horizontlinie der Gardine halte, löse aus und gehe rasch weiter. Ich habe sofort ein gutes Gefühl.

Und mittlerweile habe ich eine ganze Reihe Fotos mit ihr, auch wenn die meisten nichts taugen, weil mir die Kaltblütigkeit fehlt. Aber dieses ist fast scharf auch weil im rechten Moment ein Aufhellen aus dem Fernseher auf die Person davor fiel.

Sie sitzt also, die Beine hoch, auf einem Plüschsofa. Und jetzt fällt mir auch endlich der Name für das Ding ein, das sie trägt, und das ich mich bisland scheute ein Negligé zu nennen - dafür wäre es nämlich zu wenig nah an einer Klassik von durchsichtverblendender Rüsch-Dezenz. Dies hier, allerdings verwaschen und anscheinend auch fleckig, ist wohl ein Babydoll - oder eben ein Nachthemd, das seinen unteren Saum extrem hoch ansetzt. So eines hatte V. mal in unserer ersten erotischen Erkundungszeit. Und so eines trug damals öfter die Nachbarin beim Putzen auf der Treppe zu der allerersten Dachwohnung, die ich je bezog. Nie wusste ich, wurde von mir nun verlangt, die Augen niederzuschlagen oder mich auf sie zu stürzen? Sie stellte sich dann, da ihr Mann öfter lange weg war, als aufmerksamkeitsbedürftige Zicke heraus, aber sie hatte auch wirklich was zu zeigen.

Diese Frau hier - und das stimmt ja auch mit ein, zwei Ahnungen überein, die mir bei ihr schon einmal kamen - macht anscheinend die Nacht zu einer kleinen Lebensverschönerungsfeier für sich selbst. Auf dem schweren Wohnzimmertisch (viel zu groß für die Puppenstube, dafür anscheinend Mahagoni: jedenfalls kommt von der Politur die einzige Überstrahlung in meinem Bild) zwei akkurat ausgelegte Deckchen, auf der einen eine Sektflöte und auf der aufgeschlagenen Fernsehzeitung eine aufgerissene Schachtel Pralinen. Fehlte nur noch das Pantöffelchen mit einem rosa Flaumbommel. Aber es sind ihre nackten Füße eine knubbelig-formlose Angelegenheit und vor allem schreckt mich bei Frauen oft der für mein Gefühl unnatürliche Winkel der stark einwärts geknickten Zehen.

Dafür fällt der blaue Fernsehschein in der Linie ihrer Beine, was dem Unterschenkelknochen und ihrem Schenkel etwas Hautseidig-Schimmerndes gibt. Und außerdem reicht das Licht auf dem sonst sicher nur Fahlweiß der Haut das blaue Adergeflecht zumindest als Verlauf nachzuzeichnen, da wo der Oberschenkel ein bisschen breitgedrückter, vielleicht auch mit einem veränderten Blutfluss auf dem anderen liegt.

Wenig entspannt hat sie beide Hände leicht aneinandergepresst, wie zum Gebet gefaltet über dem Schoß, die Daumen stehen ab nach oben. Ihr Gesicht ist noch ganz konzentriert bei dem bunt huschenden Flachwelt-Geschehen und sie scheint noch weit davor, die anonyme Zudringlichkeit von draußen zu registrieren.

Womöglich ist es längst meine fixe Idee, dass im Beisichsein auch das Hässliche schön sein kann und dass es mich manchmal wie dringend nach solchen Umkippeffekten verlangt; es läge darin, als das prekäre Schillern eines Unverfügbaren, eine mir mögliche Annäherung an die eben darum aufgewertete Wirklichkeit. In dieser Serie jedenfalls wird dieses Foto eines der besseren.

***

Nachtreten

Eine annehmbare Veränderung gibt es, nämlich bei den nach irgendwelchen internationalen Turnieren an Laternenpfählen immer vermehrt aufgeklebten Fußballerstickern. Aktuell sind es mal nicht die üblichen Bundesliga-Nichtssager, die ihre Geistlosigkeit gar nicht erst zu verbergen suchen, sondern die Gesichter von Frauen. Hope Solo sehe ich gleich zweimal!

 

Montag, 6. Juni 2011

Florapark, leise

Florapark, leise

1.
Eine alte Frau in klobigen Gesundheitsschuhen, die misstrauisch um ein paar pickende Tauben herumgeht. Ein Mädchen wartet lange an einer Ampel, obwohl es nicht nur keinerlei Verkehr gibt, sondern außer ihm gerade auch kein Mensch sonst auf der Straße ist. Aber eh scheinen sie alle wie verirrt Sonntagnacht.

Leise warte ich den Moment ab bis sie alle verschwinden, kichernd unter dem Balkon, von dem die alte Frau immer die Welt verflucht und doch ihren Kanarienvogel zum Singen raushängt und auch nie vergisst, ihre Gebete aufzusagen.


2.
Auf einmal voraus eine Art Durchblick im Buschwerk - oder es war eben die Augenhöhle dessen, was ich sah. Kaum von den Strauchfarben unterschieden, saß da ein Stadtstreicher auf der Bank, noch in der Nachtschwüle faulweg in seinem Mantel. Augenblick und Erschrecken wurden ganz Überlegung. War es ein Reflex? Seine Brille aus Milchglas? War es das offen spiegelnde Auge des Schlafs? Des Todes? Aber er schien weiser als ich, er war davon gekommen, und hielt, unverbrüchliche Erektion zu leben, seine schlanke Flasche zwischen den Beinen, schaute auf mich, und zeigte bis zum nächsten Schluck daraus nicht die leiseste Regung.

Die nächtliche Wiese mit Taubefall - oder mit Hundekacke und Glasbruch? Die Versuchung trotzdem, da barfuß zu gehen. Wie ganz leise zog ich die Schuhe aus und freute mich, irgendwie aufgestachelt vom eigenen Leben, auf die Farben, auf mein lebendiges Blut.


3.
schmierölschwarze Hand eines Gleisarbeiters
einem anderen die aufgesprungene Lippe zur Nacht
Sprechfunk knisterte aus einem Dienstraum neben der Ambulanz

rusty nails where the wild violets grow, sang ich
und noch die Gänseblümchen wehtun... dachte ich
während die Anlernschwester im Herumhuschen mit ihrer Feinstrumpfhose flüsterte
einmal tapferer als sie, gab ich mir Mühe sie anzusehen mit all meinem Vertrauen

 

Samstag, 30. April 2011

Ein Scherz

Weil ich meine nächtlichen Revier längst zu kennen meine, glaube ich auch die Katze wiederzuerkennen, die da am Rande der Kreuzung hockt - es ist die graue. Wie jedesmal ohne wirkliche Hofnung, eines der Tiere anzulocken, mache ich trotzdem mit den Lippen ein Geräusch.

Und zum ersten Mal scheint sie bei meinem Näherkommen nicht wegzulaufen... bis ich erkenne, dass es nur ein Kaninchen ist. Doch ist es ein totes Kaninchen: Aus einer Körperseite ist eine Lache mit in der Nacht lediglich dunklem Blut ausgetreten.

Wie um einen grausamen Scherz zu machen hat der Autoreifen es so erwischt, dass es aufrecht sitzen geblieben ist, als würde es da noch wachen. Doch haben auch all die anderen Tiere, die sich in dem halben Mondschein über der Wiese nach und nach abzeichnen aufgehört zu fressen und fast scheint es aus, als schauten sie zu sämtlich mir her.

 

Mittwoch, 13. April 2011

Streitwagen-Fahrer

Ich erschrecke, obwohl ich vor Wochen schon einmal darauf gestoßen war: Das Abgestellte da, auf der dunklen Seite der Straße, das Gebilde, es sieht aus wie eine Kehrmaschine - oder wie einer dieser größeren Reinigungswagen, den sie über die Gänge schieben in eher indifferenten, anonymen Hotels in den USA, die so riesig sind, dass die Zimmermädchen rund um die Uhr arbeiten.

Das Gefährt scheint mit Tüten behängt, dazu obskuren Dingen, einem Topf und weiteren Gegenständen, der Griff eines Gehstocks ragt hinten hervor, alles, was dieser im Näherkommen nun erkennbar fahrbaren Versorgungseinheit etwas Bizarres verleiht - etwas von einem Streitwagen, oder einem Überlebensmobil.

Es ist also ein Rollstuhl. Und darin, etwas erhöhter als üblich sitzend, ein zusammengesunkenes Bündel Mensch. Es hat sich über das Abluftgitter eines der Betriebe rund um das Evangelische Krankenhaus Kronenstraße bugsiert, da, wo es zwar wärmer als die Umgebung ist, aber auch abgestanden riecht, nach noch einmal verbrauchtem Leben. Mich, mit meinem manchmal leicht weinerlichen Mangel an Weltvertrauen, berührt soviel Arglosigkeit jedes mal seltsam, wenn jemand auf der Straße schläft (auch wenn das durch Not und Umstände abgepresst ist).

Einen knappen Block weiter leuchtet die hellere Notfallaufnahme, warten geduldig zwei Taxen vor der Tür, machen zwei Bereitschaftskrieger in der frei gehaltenen Einfahrt mit dem Portalshüter eine Rauchpause.

Aus Mindestrespekt für den Schlafenden werde ich im Näherkommen unwillkürlich leiser, obwohl ich gelernt habe, dass es oft nicht gut ist, sich nahezu lautlos zu bewegen, da das bei anderen Leuten zu unberechenbaren Reaktionen führen kann - nachts umso mehr bei sich, will niemand unliebsam überrascht sein.

Wenn es aber doch hier - und von uns beiden gesucht - endlich einmal still und dunkler ist? Ein Stück blankes Gestänge, dazu das zerknitterte Gelb einer LIDL-Tüte sammeln das Restlicht.

 

Samstag, 2. April 2011

Vergewisserungen

Nach zwei Nächten, die wegen den Fieberschüben und den Gliederschmerzen schlimm genug waren, habe ich zu einer dritten keine Lust und ziehe mich nach einer kurzen Quälerei an und gehe auf die Straße. Ich wanke ein wenig, aber die Kälte ist sofort eine Verbesserung und ich ahne mein Bedauern voraus, wenn es demnächst, mit den kommenden Jahreszeiten, damit erst mal wieder vorbei ist - anscheinend selber zunehmend ein bisschen grimmig, halte ich den Winter für eine Jahreszeit voller Freundlichkeiten.

Als ich mir eben kurz etwas aufschreiben will, in einer der Seitenstraßen der Bilker Allee, geht in dem Haus, vor dem ich stehe, das Innenlicht an. Ich sehe, es ist - gegen die Mehrzahl des sonstigen, alten, teils sogar noch stuckbewehrten Baubestands hier - eins dieser moderneren Gebäude mit engem Treppenhaus, schmalem Flur, in dem man keinen Kinderwagen mehr abstellen könnte, ohne dass es sofort zu Beschwerden kommen müsste. Eine alte Frau steht dort im Morgenmantel vor ihrem Briefkasten, augenscheinlich etwas schlafverwirrt. Es ist kurz nach eins.

Die alte Frau aus der Binterimstraße fällt mir ein. Eines Mittags, ich hatte nach einer Abkürzung zur nahen S-Bahn gesucht, hatte sie vor mir gestanden: Entschuldigen Sie, wissen Sie, welcher Tag heute ist? Etwas an ihr hatte mich mit einem Schlag ganz sanft werden lassen, aber da ich in Eile war, hatte ich vor mir selber eine Ausrede, kein Gespräch mit ihr beginnen zu müssen. Doch nahm ich dafür, mit dieser etwas welt-enthebenden Frage, auch etwas von ihrer Verwirrtheit mit, flugleicht und im Nebenbei.

Eh oft geschlagen mit einem guten Gedächtnis für Tonfälle, mit so etwas wie einem Gefühl für eine Stimmphysiognomie, kriege ich seitdem die Überartikulation ihrer Stimme nicht mehr aus meinem Kopf, das überdeutliche S-C-H vor diesem langen U-Laut, wie in Schub; ich hatte mir seitdem vorgestellt, sie hätte vielleicht mal als Logopädin gearbeitet oder gar als Sprecherzieherin oder wenigstens als Souffleuse an einem Theater mit klassischem Repertoire - oder eben in sonst einem Beruf, der diese sicher ausgebildete, prononcierte Sprechweise erforderte: eine geschulte.

Ich hatte diese Frau dann später noch zwei, drei mal gesehen, immer ein wenig aufgelöst, mit verrutschter Perücke, mit verrutschten Strümpfen, irrlichternen Geistes sich an der Hauswand festhaltend, unsicher, aber mit dem Drang zur Straße, zum Gespräch mit Menschen. Und ich hatte den Mut nicht aufbringen können, sie auf ihre offensichtliche Einsamkeit anzusprechen, sie weiter in mich hineinsprechen zu lassen. Denn ich fürchtete, wie ich dem nicht auszuweichen gewusst hätte, wie sie mich noch viel tiefer hätte rühren müssen - denn sie hatte mich schon erreicht!

Und können wir jemals weiter gelangen als zu einer Bitte um Gehör? (Peter Sloterdijk)

Doch bin ich in zu vielen Dingen feige, und sie zu fragen, ob sich wer um sie kümmere, wie man das macht, wusste ich erst, als als ich ein andermal bewusst langsam hinter einer anderen Frau gegangen war, die wie ich von der S-Bahnstation kam und also zuerst auf diese alte Frau da an der Hauswand treffen musste, und die auch sofort ihre Eile unterbrochen hatte und sich der Bedürftigeren zuwandte. Naiver, hatte auch ich mal in jüngeren Jahren versucht, solch einen Menschen auf mich zu nehmen. Doch bin ich schlecht darin, schon weil ich meine eigenen Halbheiten dabei zu deutlich sehe, und so verheddere ich mich lieber in meine eigene Skrupel und rede mich noch darauf hinaus.

Diese alte Frau, sie muss dann gestorben sein. Neuerdings, seit ich die Abkürzung kenne, sehe ich sie nicht mehr, stattdessen wird offenbar in einer der Wohnungen in dem Haus da gearbeitet: Sogar ein Flaschenzug wurde kurzfristig angebracht, und irgendwelche Maurer- und Malerkolonnen hatten den Gehweg besetzt gehalten mit ihren Gerätschaften und einem Dixie-Klo.

All das fällt mir jetzt ein, es ist wie etwas, das ich schulde, als ich jetzt eine weitere dieser einsamen alten Frauen da an den Briefkästen sehe - und auch ich habe ja schon mal weit nach Mitternacht nach Sendungen gesehen. Oder kontrolliert sie heimlich die Post ihrer Nachbarn?

Da ich reglos bleibe, immer noch schreibend, hat die Frau, mit der Überraschung draußen, nur hindurch die Blickwand der Glastür getrennt einen Fremden zu sehen, sich nicht weiter bewegt. Denkt sie nach? Ruht sie sich aus? Lauert sie? Mit der rechten Hand stützt sie sich ab an der oberen Briefkastenreihe, mit der linken hält sie ihr mir irgendwie gardinenartig erscheinendes Nachthemd zu. Alles ist Maya, alles wird gesehen durch einen Schleier. - Ich bin neugierig, doch milder gestimmt durch die Fieberschwächung, beschließe ich, es ihr zu erleichtern und mit dem Ende des Minutenlichts verschwunden zu sein: So hätte sie ihrerseits, womöglich als Unterhaltung oder gar Belebung für den Rest ihrer Nacht, etwas über eine Erscheinung zu rätseln.

Wegen meinem Bemühen um Unaufdringlichkeit - wegen meiner Feigheit auch hier - wüsste ich nichts über den Gesichtsausdruck der Frau zu sagen. Mit dem in mir sich aufrufenden Stimmfall aber der ersteren Frau fällt mir auch wieder der Ausdruck auf deren Gesicht ein, auch wenn er damals eigentlich unlesbar war. An Hölderlin als Scardanelli muss ich denken: Niemals wird man vollends wissen, wie die Konfusion eines anderen sich erklärt, weil fundamentale Unordnung nicht zu synchronisieren ist; alle Versuche dahin sind nur Hochrechnungen und daraus sich tradierende Konventionen - sogar das elaborierteste, das potenziell mächtigste Erkenntnisinstrument des Geistes, die Literatur, versagt da meist. Und sowieso das grundlegende, die Sprache: Das, was für die Ordnung des Sagbaren geschaffen ist ("metrisch", so Bettine Brentano), ruft das Unsagbare höchstens an seinen Rändern auf - oder lässt es uns eben mit den Simulationen verwechseln, die wir gelernt haben sie dafür halten zu sollen. Das Zwischen-Sagbare scheint dafür manchmal in den Anklängen mancher Tonfälle zu liegen. Die aber liegen ja auch in einem selber. Undsoweiter. Könnte man die Dichter immer selber lesen hören, verstünde man sich auch besser auf die Feinheitsgrade ihrer Verrücktheiten.

Aber das Gesicht: Bei der Frau waren da jedenfalls die Sanftmut, das Freundliche in ihren weit aufgerissenen Augen, und dazu dieser Wille, sich zuzuwenden, sowie der, der Welt auf die Weise zu begegnen - in Ordnungsgraden -, wie sie es gelernt und es sich offenbar allermeist für sie als weiterführend erwiesen hatte: Manchmal ordnet den Geist schon die Vergewisserung in der Abfolge weniger Worte (oder der Wochentage).

Und dieser Anflug dann von Verwirrnis - ich weiß bis heute nicht, ob es sie wirklich in dem Gesicht zu lesen gab, oder ob ich ihn nicht selber hinzufügte, der ich doch längst bewusst nach einer suche, um mich nicht ständig nur mit der Zwangsvernunft abfinden zu müssen. Es hat das zu tun mit einer alten Angst in mir, einer sozusagen kleist'schen Angst, einmal im allmählichen Verfertigungen meiner Stottereien mich zu verheddern und nicht mehr zu Ende zu wissen. Aber müsste es mich überhaupt noch sorgen - dann?


Meinen Zettel werfe weg, auch er trifft das Eigentliche nicht. Um die Ecke auf der Allee sehe die nächste einsame alte Frau - sie kann höchstens 1,60 groß sein, eher weniger, führt aber einen mindestens doggengroßen Hund. Ist es mein Fieber? Ich habe einmal nach mehreren auf Speed durchgemachten Nächten überall bunte Hunde gesehen, in orange, in grün... Dieser hier ist weiß - schmutzig-weiß. Wenn es kein Husky ist, dann muss es ein Albino-Schäferhund sein, oder irgendeine andere diese heute immer obskureren Mischungen. Beide ignorieren mich, während sie munter window-shoppen. Jedes Mal, wenn sich das Tier in dem Schaufensterglas erspäht stellen sich seine Ohren auf.

 

Samstag, 26. März 2011

but now for something completely different...

Wie gegen halb vier morgens dieser Marsch aus dem Intro zu "Monty Python" aus einem offenen Fenster schallt – und alles sich gleich mildert in so einem Gedanken wie: Absurde Welt!

Und wie ich wenig später, auf der Suche nach einem letzten Reiz vor dem Schlafengehen, mit nassem Zeigefinger die schwarzverbrannten Kürbiskerne von vor Tagen vom Boden des Backofens auftippe.

 

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